Erde von Château d'Yquem wird abgefüllt Nina mit Pierre Meslier in den Reben von Château Raymond-Lafon


Vorbereitung (Frühling 2000)
Die grossen Namen kennen wir alle. Aber wie viele Weingüter gibt es überhaupt in Barsac und Sauternes? Bis heute habe ich noch keine vollständige Liste zu Gesicht bekommen. Auch nicht hier im Internet! Die meisten Angaben beschränken sich auf die Klassierten von 1855, d.h. Château d’Yquem als einziger Premier Grand Cru, die Premiers und die Deuxièmes. Keine Rede von einem Château Raymond-Lafon, Château Bastor-Lamontagne oder einem Château Gilette usw., die allesamt auch hervorragende Produkte anbieten. Schliesslich habe ich doch eine beachtliche Liste mit über 50 Schlössern beisammen.

Meine Absicht, alle diese Weingüter zu besuchen und von den Rebbergen jeweils ein bis zwei Kilogramm Erde zu erhalten, wird in einem Brief zusammengefasst und per E-Mail oder Fax weitergeleitet. Schon am nächsten Tag kommen die ersten Antworten, alle positiv und einladend geschrieben. Sie verstärken mein Vertrauen – alles wird zum Guten gelingen. Alle Stumm-gebliebenen rufe ich nach einer Woche an und trage ihnen mein Anliegen nochmals mündlich vor. Beim persönlicheren Kontakt am Telefon spüre ich, dass dort unten höchst interessante Individualisten leben müssen.
Pierre Bernhard von Château Gravas z.B. lacht mir in seinem typisch breiten Bordeaux-Akzent in den Hörer: «Ben – si vous voulez prendre de la terre – faudra voir qu’il ne pleuve pas – parce qu’alors...» und es folgt ein höllisches, aber herzhaftes Gelächter.

Die Dokumappen für die Winzer werden erstellt, die Strassenkarten von Frankreich sind gekauft, die Reiseroute ist festgelegt, das Hotel in Langon gebucht, meine Frau Nina hat die Koffer gepackt – es kann losgehen.

Die Dokumappen für die Winzer werden erstellt, die Strassenkarten von Frankreich sind gekauft, die Reiseroute ist festgelegt, das Hotel in Langon gebucht, meine Frau Nina hat die Koffer gepackt – es kann losgehen.

Auf nach Sauternes
Unseren Zwischenhalt, in der kleinen Stadt Tull, erreichen wir am Abend. Bei der Auswahl des Nachtessens können wir es nicht verkneifen und bestellen zur Vorspeise Gänseleber begleitet von einem Glas Sauternes. So provinzial wie Tulle ist auch das Nachtleben – wir schlafen.

Eine Kommunikations-Panne der dritten Art erlebe ich am nächsten Tag beim Tanken. «Ist das eine kleine Beiz da oben?» frage ich den etwas bärenhaften Tankwart. «Oui, oui...» Kann ich meinen Wagen hier bei Ihnen lassen? «Oui, oui...» Wir gehen hinauf, das Lokal geschlossen, wir kehren zurück. «Die Beiz ist ja geschlossen!» «Oui, oui...» «Wussten Sie das?» «Oui, oui...» «Warum sagten Sie mir das nicht gleich?» «Sie haben mich ja nicht danach gefragt....» Kopfschüttelndes Lachen, einsteigen, weiterfahren.

Am späten Nachmittag beziehen wir unsere kleine Suite im Hotel «Chez Claude Darroze», das sich mitten im Zentrum von Langon befindet. Von aussen eine unscheinbare Fassade, innen gepflegt und geschmackvoll eingerichtet. Auch das gesamte Personal ist sehr hilfsbereit und entgegenkommend. Man fühlt sich wohl. (Es verdient mehr als nur drei Sterne!) Auch den vier Sternen in seinem Restaurant könnte ich, ohne mit den Wimpern zu zucken, einen fünften anhängen. Unvergessen bleiben die gefüllten Austern.

Jeden Abend vor dem Essen wird der nächste Tag organisiert, d.h. telefonische Terminabsprache mit acht Schlössern, jeweils vier für den Morgen, die weiteren für den Nachmittag.

Erster Schlossbesuch
Unser erster Besuch gilt Château Rieussec. Die Realität verlangt jetzt hörbare Worte anstelle meines theoretisch vorbereiteten Vorstellungsgespräches. Meine Worte stossen auf Verständnis für mein Unterfangen, alle meine Wünsche werden erfüllt. Mit dem «Chef de culture» fahre ich auf dem 75 ha grossen Weingut zu vier Stellen mit total unterschiedlicher Erde. Der Sandboden ist in einem Feld hellgrau, im andern fast schwarz. An der letzten Stelle finde ich einen von weiss/ocker- bis rostroten Streifen durchzogenen Lehmboden. Nie hatte ich mit einer so reichhaltigen Farbpalette gerechnet. Mein Werkzeug, ein alter Suppenlöffel, hat zum ersten Mal Sauternes-Erde gekostet. Vier kleine Plastiksäcke voll Château Rieussec-Erde haben einen überglücklichen neuen Besitzer.

Weiter besuchten wir an diesem 25. April:
Guy Despujols von Château Lamoth Despujols
Pierre Meslier von Château Raymond-Lafon
Bérénice Lurton (leider abwesend) von Château Climens
Jacques Pauly von Château Clos Haut-Peyraguey
Françoise Sirot-Soizeau von Château Closiot
Philippe Guignard von Château Lamoth Guignard

Mittwoch, 26. April 2000
Pierre Dubourdieu von Château Doisy-Daëne
Comptesse Nancy de Bournazel von Château de Malle
Christian Medeville von Château Gilette
Hervé le Diascorn von Château Monteils
Comte Gabrie de Vaucelle von Château Filhot
Serge Bancheraud von Château d’Arche
Xavier Planty von Château Guiraud
Jean-Pierre Jausserand von Château Tour Blanche

.... und so besuchten wir bis ans Ende unseres Aufenthaltes
ganze 50 Sauternes-Schlösser.